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Bei Antonio Vivaldis »La Tempesta di Mare« beschworen die Musikerinnen und Musiker schäumende Wellen, peitschende Winde und Regengüsse herauf. Mutig stemmten sich zuletzt die Seeleute, verkörpert durch die Bläser, gegen die Kraft der Streicher.

Georg Philipp Telemanns »Wassermusik« (Hamburger Ebb’ und Fluth) gelingt es, in der Phantasie der Zuhörer das Wasser von draußen nach drinnen zu holen – so wie bei Vivaldis Werk. 1723 für ein Festmahl der Hamburger »Admiralität« komponiert, wurde ein suggestives Bild von Ebbe und Flut klangmalerisch umgesetzt: mit lang gezogenen Oboentönen und matt punktierten Rhythmen der Streicher. So wurden die Ohren der Hörer mit Aufmerksamkeit für Phrasierung und Klang, aber auch mit Elan und Brillanz verwöhnt.

Dies setzte sich dann mit Georg Friedrich Händels Suite Nr. 1 in F-Dur aus der »Wassermusik« fort. Mit flottem, aber auch raffiniertem Spiel interpretierte das Ensemble Schirokko diese berühmte Komposition: trocken hallenden und tremolierenden Hörnern standen schwungvolle Streicher sowie markante Holzbläser gegenüber. Diese eingängige, oft gehörte Musik klang dabei besonders frisch und unverbraucht.

Die inhaltlich logische und stringente Programmgestaltung, mit drei Werken die vielfältigen Formen sowie unterschiedlichen Farbschattierungen in Kompositionen zu beleuchten, bildete einen perfekten Rahmen für das exzellente Spiel des Hamburger Barockorchesters. Wobei Thomas Berning am Pult des historisch-informierten Klangkörpers mit Gefühl und Versiertheit überzeugte.

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Was man in Antonio Vivaldis Concerto F-Dur mit dem wunderbaren Titel "La Tempesta die Mare" auch deutlich hört. Der Sound ist spritzig, Blockflöte und Barockoboe als Soloinstrumente bestimmen den Klang ohne zu dominieren, und im schlussendlichen Presto zeigt sich eindrucksvolle Virtuosität.

Das Problem der alten Musik ist die Stimmung, die erstens sehr aufwendig ist und zweitens selten lange hält, bei zu hoher Luftfeuchtigkeit wie am Sonntag schon gar nicht. Konzertmeisterin Rachel Harris trägt das etwas tiefere A von Musiker zu Musiker, wie eine Mutter, die etwas ganz Wichtiges zu verteilen hat, bis es dann irgendwann tatsächlich stimmt.

Fagott und zwei Oboen blasen eine Art Fanfare, bevor Telemanns "Wassermusik" erklingt, eine Orchestersuite mit programmatischen Untertiteln, die witziger nicht sein könnten. Zum Beispiel "Der scherzende Tritonus", eine simple Melodie, die zwei Oboen mit dem "Teufelsintervall" necken oder die ebenso einfach wie fetzige Melodie zu "Die erwachende Thestis". Das Ensemble Schirokko, geleitet von Thomas Berning, spielt auf den Punkt, hat Tempo und Esprit, sackt nur leider immer wieder in der Stimmung, die dann auch nachgebessert wird.

Nach der Pause ging es wie versprochen mit der nächsten "Wassermusik" weiter, jetzt die von Georg Friedrich Händel, die alle kennen und auf die sich jeder in der natürlich sehr gut besuchten Kilianskirche freut. Um diese wunderbaren Orchestersuiten ranken bühnenreife Erzählungen und auch die eingängigen Melodien machten dieses Werk zu einer Art Volksmusik. So wurden alle Erwartungen zu vollster Zufriedenheit erfüllt, auch die an die Hornisten, die Großes leisteten und ihren Sonderapplaus redlich verdienten. Ein solider Abschluss einer überzeugenden Konzertsaison der Philharmonischen Gesellschaft.

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Auf Einladung der Philharmonischen gastierte das Spitzenquartett am Sonntag im Neuhäuser Audienzsaal, der wegen Renovierungsarbeiten schwer zugänglich und komplett überheizt war. Doch wer an einem lauen Maiabend zur besten Sendezeit auf die üblichen Sonntagsvergnügen zugunsten von anderthalb Stunden Streichermusik verzichtet, meint es sowieso ernst.

Und wirklich, mit den ersten Takten von Dmitri Schostakowitschs erstem Streichquartett in C-Dur, einem elegischen Moderato, spätestens in den Takten, wo die erste Violine (grandios: Hans Liviabella) sich vorwitzig über einen ostinat tanzenden Bass erhebt, hält der Saal geschlossen den Atem an. Es hustet nichts, raschelt nichts und Programmhefte werden auch nicht gelesen, ein Publikum, das Kammermusik wirklich liebt.

Das "Quartetto Energie Nove" wurde mal mit dem legendären amerikanischen Emerson-Quartett verglichen, was natürlich eine große Ehre ist und in Hinblick auf die Präzision und makellose Technik auf jeden Fall stimmt. Doch kommt bei den vier Kollegen aus Lugano noch das mediterrane Element dazu, einfach der Spaß am Klang, da wird nichts verschlankt, nichts so keimfrei präzise dargeboten, wie es eine Zeit lang Trend war, die Energie Nove pflegen den sahnig orchestralen Klang und spielen gleichzeitig auf höchstem technischem Niveau.

Im zweiten Satz überzeugt dann Bratschist Ivan Vukcevic als großartiger Solist und das kurz neoklassizistische Werk endet verspielt und quirlig. So klingt auch das frühe Streichquartett Nr. 2 op. 13 von Felix Mendelssohn Bartholdy, geschrieben in der Tradition Beethovens und doch schon ganz der Mendelssohn des Sommernachtstraums. Es ist dieses flirrende Fugato, das durch alle Sätze irrlichtert, an dem man Mendelssohns Musik immer und zweifelsfrei erkennt. Es wimmelt von Umkehrungen, Engführungen und anderen polyphonen Techniken, ein strenger Stimmensatz, der der keinerlei Strenge ausstrahl, sonder Spieltrieb. Großer musikalischer Spaß auf höchstem Niveau.

Nach der Pause das erwartete Opus magnum: Fran Schubert, Streichquartett Nr. 14 d-moll D 810 "Der Tod und das Mädchen", dessen berühmtester Satz es sogar zur Filmmusik gebracht hat. Und es geht hier um weit mehr als gepflegtes Quartettspiel, der erste Satz besticht durch unglaubliche Intensität, hier wird gedrängelt und etwas riskiert. Klare Kante statt Biedermeier-Klangtapete. Dann die fast hypnotisch wirkenden Variationen, eher dezent und zurückhaltend, schwindelerregendes Presto zum Schluss und donnernder Applaus, zwei Zugaben und viele neue Fans für "Quartetto Energie Nove".

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Das a-Moll-Quartett op. 13 des erst 18-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy zählt zu den bedeutenden Frühwerken des Komponisten, in dem er die Tradition des Quartettschaffens von Beethoven fortführt. Vom ersten Ton an besticht das klangvoll aufspielende Ensemble mit fein abschattierten Farben und begeistert mit einer äußerst differenzierten Spielweise. In einem jederzeit aufeinander bezogenen künstlerischen Dialog werden feinste kompositorische Details einfühlsam abgestimmt und geheimnisvoll schwebend zu einem bezaubernden Hörerlebnis kultiviert.

»Der Tod und das Mädchen« – mit diesem alten Bildmotiv befasste sich Franz Schubert zunächst in einem Klavierlied, dann in seinem d-Moll-Streichquartett, das nach der Pause den zweiten Teil des Konzertabends füllt. Der Tod ist in dieser Musik in allen vier Sätzen mit »unerhörten« Klängen vom trostreichen Dur bis zum unabwendbaren Moll allgegenwärtig und betrifft alle Menschen in ihrer Vergänglichkeit.

Die Interpretation der vier Musiker wird zum Höhepunkt des Kammermusikabends: Es sind die makellose Intonation und der ausgewogene Klang im langsamen Variationensatz, der das dem Lied entnommene Thema mit hauchzartem Spiel in der ersten Geige zu abgeklärter Ruhe führt. Die sich bis an die Grenzen der Wildheit steigernden dramatischen Entwicklungen im einleitenden »Allegro vivace« und im »Presto« des Finales zeigen das »Quartetto Energie Nove« erneut als ein perfekt aufeinander abgestimmtes Ensemble, dessen atemberaubende Technik und Intensität des Spiels direkt unter die Haut gehen.

Beschwingt und technisch rasant belohnt als Zugabe der »Tanz der Komödianten« aus der Oper »Die Verkaufte Braut« von Smetana den lang anhaltenden und begeisterten Applaus des Publikums. Mit dem dynamisch-expressiven Klang des kurzen Satzes Nummer 11 aus dem »Officium breve« des ungarischen Komponisten György Kurtág verklingt ein Kammermusikabend auf hohem musikalischen Niveau bis ins Unhörbare.

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Zu Beginn spielte das Orchester mit spürbarem Enthusiasmus Mozarts "Serenata notturna" in D-Dur. Bereits die instrumentale Besetzung ist ungewöhnlich: Das Streichorchester mit Pauke wird durch ein solistisch agierendes Streichquartett (statt Violoncello ein Kontrabass) ganz im Sinne der barocken Concerto-grosso-Tradition ergänzt. Dirigent Thomas Berning leitete das Orchester vom Cembalo aus, durchweg im Sinne der Aufführungspraxis der Zeit Mozarts.

Humor bewies das Orchester im dritten Satz (Rondeau) mit zusätzlichen kurzen musikalischen Zitat-Einwürfen: das Thema der großen g-Moll-Sinfonie, die Figaro-Kavatine "Se vuol ballare, Signor Contino", das Don-Giovanni- Duett "La ci darem la mano", das Kopf-Motiv der Fünften Beethoven-Sinfonie, aus dem sich das Thema von "Eine kleine Nachtmusik" entwickelte, und nicht zuletzt das "Rondo alla turca"-Motiv. Dieser musikalische Spaß dürfte durchaus im Sinne Mozarts gewesen sein.

Konzertmeister Michael Wild war anschließend der souveräne Solist im vierten Violinkonzert in G-Dur von Joseph Haydn, das er obendrein selbst dirigierte. Beeindrucken konnte Wild mit sensibler musikalischer Gestaltung des selten gespielten Violinkonzertes, aber auch mit seinen anspruchsvollen Solo-Kadenzen. Für seine gelungene Darbietung erhielt der Konzertmeister dankbaren Applaus. Als Zugabe spielte er das virtuose "Polnische Capriccio" von Gra?yna Bacewicz (1949).

1880 wurde Tschaikowskis spätromantische "Serenade für Streicher" in C-Dur uraufgeführt. Sehr bekannt aus dieser Serenade ist der Walzer, den Tschaikowski anstelle eines üblichen Menuetts geschrieben hat. Der Komponist selbst mochte dieses Werk sehr. An das Orchester stellt es sehr hohe technische Ansprüche, die von den Musikern unter dem stringenten Dirigat von Berning mitreißend gemeistert wurden.

Michael Wild und das Orchester der Philharmonischen Gesellschaft in St. Kilian

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Ein majestätischer Marsch, von sehr kräftigen Pauken unterstützt, erklingt im Wechsel, das filigrane Cembalo schafft kontrastierende Distanz. Ein liebliches Thema bestimmt den zweiten Satz, vom Concertino-Quartett leicht und luftig vorgestellt, ein schnelles Rondeau mit witzig eingearbeiteten Mozart-Melodien beendet vergnüglich die Serenade.

Solist des Abends ist Michael Wild, erster Konzertmeister der Philharmonischen Gesellschaft und aktiv in allen Formationen, er spielt souverän das Violinkonzert Nr. 4 G-Dur von Joseph Haydn (1732 - 1809). Mit klangstarker Geige tritt er thematisch neben das Streichorchester und verleiht Haydn Experimentierfreude in Komposition und Arrangement lebhaften Ausdruck, flott im Allegro und schwärmerisch im Adagio, er bedankt sich mit einer furiosen solistischen Zugabe.

Nach der Pause und dem Abtransport von Pauken und Cembalo dirigiert Thomas Berning mit pointierter Gestik die Serenade für Streicher, c-Dur op. 48, von Peter Tschaikowsky (1840 - 1893). Mit Pomp und Pathos rauschen die Geigen, Celli im Gegenspiel, dann finden die Streicherstimmen zusammen, die Zuhörer erleben fesselnde Momente. Die Liebe des Komponisten zur Ballettmusik wird in dieser Serenade besonders deutlich, der zweite Satz als gefälliger Walzer erzeugt wohlige Frühlingsstimmung, mit Hingabe und Freude sind die Streicher bei der Musik.

Im Auf und Ab der Gefühle bewegt sich Satz drei als Elegie, langsam und breit angelegt entwickelt Berning die musikalischen Wirkungsquanten, in Resignation verebbt das Klanggeschehen, dann führen Celli und Violinen zu neuem Aufbegehren, Der Finalsatz m it Volksliederarrangements gewinnt sinfonischen Charakter, durch Pizzicati intensiviert, Andante und Allegro bedingen schnelle Rhythmuswechsel, zügig aber nicht gehetzt kehrt das Orchester zur pathetischen Einleitung zurück und gibt dieser Interpretation innere Geschlossenheit. Die ergriffenen Besucher danken mit ausgiebigem Beifall.

Thomas Berning am Cembalo und als Leiter des Orchesters der Philharmonischen Gesellschaft in St. Kilian

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Den Anfang machte das Werk "Les Preludes" von Franz Liszt. Hier beeindruckte das Orchester durch Harmonie und Präzision, wobei der Gesamtklang üppig, dynamisch und frisch daherkam, so dass die Freude an der Musik spürbar war.

Es folgte das schöne, konzentrierte Violinkonzert a-Moll von Alexander Glasunow, ein virtuoses, meisterlich geformtes und prachtvoll orchestriertes Konzertwerk. Hier machte vor allem die junge, 1999 in Tübingen geborene Solistin Lara Boschkor nachhaltig auf sich aufmerksam. Sie ist seit Februar 2012 Stipendiatin der Deutschen Stiftung Musikleben, welche ihr eine Violine von Carlo Antonio Testore aus dem Deutschen Musikinstrumentenfonds zur Verfügung stellt.

Boschkor ließ ihr Instrument mit weichem, aufblühendem Geigenton und dunklem, vollem Timbre geradezu sprechen. Nach dem "Moderato" erfreute vor allem das "Andante sostenuto" mit differenziertem Vibrato und einer glutvoll-hinreißenden künstlerischen Wiedergabe, die keine Wünsche offen ließ. Auch beim abschließenden "Allegro" zeigte die junge Künstlerin ein sicher von vielen Zuhörern ungläubig aufgenommenes technisches und musikalisches Können, so dass insgesamt eine homogen vom Orchester begleitete Interpretation des glanzvollen Werkes gelang.

Nach der Pause kam die Fünfte Sinfonie ("Reformations-Sinfonie") von Felix Mendelssohn Bartholdy zur Aufführung. Mit diesem Werk setzte der Komponist dem Reformator Martin Luther und dem Protestantismus ein musikalisches Denkmal.

Dirigent Pawel Poplawski zeigte mit seinem jungen und agilen Orchester, wie Mendelssohn seine Sinfonie mit sakralen Elementen aufbaute. Dabei bewiesen die Musiker eine beeindruckende Reife von der langsamen Einleitung bis hin zum starken Finalsatz, dessen Thema den schon von Johann Sebastian Bach verwendeten Luther-Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" zitiert und diese Originalmelodie auf vielfältigste Weise verarbeitet und variiert.

Die "Jungen Sinfoniker" bewiesen unter ihrem engagierten Leiter, dass in ihnen Bewegung steckt: Sie spielten aufeinander zu, ließen den Kompositionen ihren Raum und besaßen einen ganz eigenen Interpretationswillen, der das Publikum in der Paderhalle sehr gut ansprach.

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Mit Lara Boschkor konnten die Jungen Sinfoniker eine sozusagen gleichaltrige und dennoch bereits international renommierte Solistin gewinnen. Die vielfach ausgezeichnete 17-jährige Violinistin brilliert durch ihren in allen Tonlagen differenzierten, nicht überladenen Klang. Das Violinkonzert von Glasunow, ein Vorzeigewerk der russischslawischen Spätromantik mit teils auffällig modernen Klangfarben, passt in seiner Vielfalt gut zu der jungen Solistin.

Mal präsentiert Boschkor ausschweifende solistische Passagen, dann tritt sie mit dem Orchester wieder in ein Wechselgespräch, manchmal sogar in einen Widerstreit. Ihre intensive Gestik verleiht der Darbietung einen schauspielhaften Ausdruck, sie wechselt souverän zwischen pathetischen und feinfühligen, verletzlichen Passagen. Das Orchester zeichnet die verschiedenen Stimmungen und Ausdrucksformen gekonnt nach. Das Paderborner Publikum nahm die virtuose Darbietung mit großer Begeisterung auf. Umso beeindruckender ist es, dass Boschkor noch die Energie für eine lange und technisch ebenso anspruchsvolle Zugabe aufbringen konnte.

Seine Reformationssinfonie vollendete Mendelssohn im Alter von nur 21 Jahren, und vielleicht überträgt sich daher die musikalische Intensität dieses Werks so gut auf die jungen Musiker. Hier geht es richtig zur Sache; satte Streicherklänge, starke Soli in den Holzbläsern und leidenschaftlich aufspielendes Blech. Doch auch die tänzerisch-verspielten Klänge im lebhaften zweiten Satz wirken überzeugend, und im dritten Satz spielt das Orchester wie schon zuvor mit drohenden Spannungen, die sich immer wieder schlagartig entladen.

Und plötzlich sind insbesondere in den Posaunen deutlich Zitate von Kirchenchorälen herauszuhören: Ganz im Sinne des Titels "Reformationssinfonie" ist der Schlusssatz nach dem Luther'schen Choral "Ein feste Burg ist Gott" benannt. Auch den Stimmungswechsel hin zur liturgischen Musik vollzieht das Orchester jedoch souverän.

Für den vielseitigen Auftritt wird das Orchester von einer fast ausverkauften Paderhalle mit viel Beifall bedacht. Als Zugabe lässt Poplawski, der als Gastdirigent sichtlich ein persönliches Verhältnis zu seinen Schützlingen aufbauen konnte, das Stück "Nimrod" aus den Enigma-Variationen des Briten Edward Elgar spielen.

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"Wir werden durch ein obsessiv bekenntniswilliges Individuum in das Stück involviert. Offenbar handelt es sich um einen Gefühlsexhibitionisten, der uns die Fakten vorenthält...", so schreibt Ian Bostridge und es klingt, als sähe das kongeniale Duo das genau so. Die Reise geht weiter durch gefrorene Tränen und Erstarrung, ein fast geschrienes As, einer der verrücktesten Momente des gesamten Zyklus.

Hier wird auch deutlich, warum Helmut Deutsch einer der gefragtesten Liedbegleiter in Europa ist, dieser musikalische Gestaltungswille ist einfach nicht zu toppen. Immer auf dem Punkt, mit der Situation angepassten Klangfarben, legt er Nebenstimmen frei, die man vorher niemals wahrnahm, hält lange Orgelpunkte und simuliert dezent ein komplettes Orchester.

Großkritiker schreiben, dass Volle und Deutsch die Winterreise neu erschlossen haben. Tatsächlich folgt dieser Zyklus einer geschlossenen Dramaturgie, die 24 Mini-Szenarien werden immer zu drei oder vier Einheiten gebündelt und ohne Pause aufeinander bezogen. Und im zweiten Teil des natürlich ohne Unterbrechung durchgespielten Zyklus wird der Ton immer fahler, die Stimmung immer kälter, die Todessehnsucht stärker.

Ein dramaturgisches Kleinod ist "Der greise Kopf", wo sich der Protagonist kurz freut, dieses Leben bald hinter sich zu haben und es ihn vor seiner Jugend graut. Und der finale Leiermann, der den narrativen Wandel vom Ich zum Du einläutet, wo mitten in Kälte und Einsamkeit eine Begegnung erfolgt, die die große Melancholie dieses Zyklus' nochmals auf den Punkt bringt. Das anschließende Schweigen war genauso beredt wie der danach heftig einsetzende Applaus.

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Für den Konzertabend am vergangenen Sonntag in der Kaiserpfalz konnten die Initiatoren der Philharmonischen Gesellschaft Paderborn mit dem Bassbariton Michael Volle und dem Pianisten Helmut Deutsch zwei international renommierte und gefragte Künstler gewinnen. Noch vor wenigen Tagen wurden beide in einer interessanten TV-Dokumentation des Bayerischen Rundfunks eindrucksvoll portraitiert.

Das Duo musizierte kongenial, um der Musik Schuberts in ihrer Interpretation menschlicher Befindlichkeiten äußerst sensibel und nuanciert gerecht zu werden. Jegliche stimmliche wie auch spieltechnische Vordergründigkeit wurde tunlichst vermieden. Klaviermusik und Gesang verschmolzen höchst kunstvoll und intelligent zu einer musikalisch überzeugenden Gestaltung. Somit bleibt es nahe liegend, die Bedeutung des Klavierparts nicht als bloße "Klavierbegleitung" abzutun, selbst wenn Helmut Deutsch in der TV-Dokumentation dezent anmerkte, dass der Gesangssolist in diesem Werk das Wort habe.

Zur Schaffenszeit Schuberts hatte die Klaviermusik längst einen emanzipierten Stellenwert erlangt, zu dem der Komponist auch selbst maßgeblich beigetragen hatte. Folglich verlieh Helmut Deutsch seinem Klavierspiel souverän Klangdimensionen, die in ihrer filigranen Farbigkeit eine Fülle unterschiedlicher Assoziationen aufkommen ließen. Entsprechend künstlerisch feinsinnig gestaltete Michael Volle seinen fast eineinhalbstündigen Part mit einer wundervoll sonoren Bassbariton-Stimme, mit der er scheinbar mühelos enorme Tonumfänge meisterte und zugleich mit flexibler Dynamik, dezidierter Stimmgebung und Textinterpretation und mit deutlicher Aussprache überzeugte.

Die großartige Aufführung bewirkte bei den Zuhörern eine spürbare Nachdenklichkeit. So war es auch angemessen, dass die beiden Musiker nach dem abschließenden Lied "Der Leiermann" einen Moment der Stille aufkommen ließen. Erst dann dankten die Besucher mit lang anhaltendem Applaus für eine exzellente Aufführung der "Winterreise", zu der Franz Schubert damals seinen Freunden gegenüber äußerte: "Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden auch euch noch gefallen". Wie sehr er doch Recht behalten sollte!

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Mit absoluter Sicherheit in den virtuosen Passagen sowie beeindruckender rhythmischer Präzision entwickelt der Solist die thematische Substanz des »Allegro molto appassionato« und spürt im »Andante« der Innigkeit der Kantilenen mit sparsamer Dosierung des Vibratos einfühlsam, aber ohne Sentimentalität klangschön nach.

Das Orchester der Philharmonischen Gesellschaft erweist sich als gleichgesinnter, ebenbürtiger Partner, wobei Thomas Berning das Soloinstrument trotz aller Selbstständigkeit an den entscheidenden Knotenpunkten immer wieder in den Orchesterklang integriert. Und dann das Finale! Der nur sechseinhalb Minuten lange, lebensfroh und federleicht übersprudelnde Satz fordert in seiner Verknüpfung von instrumentaler und kompositorischer Virtuosität den nicht enden wollenden Applaus und die Bravo-Rufe des Publikums geradezu heraus und wird von Tobias Feldmann mit atemberaubender Technik in der Zugabe belohnt.

Dass Robert Schumann nicht nur als Meister der kleinen Form gilt, sondern auch mit seiner Orchestermusik die deutsche Romantik empfindsam ausdrückt, beweist die Interpretation seiner Zweiten Sinfonie, C-Dur, op. 61. Thomas Berning gibt der Musik eine Zugkraft, die ganz auf das Doppelbödige bei Schumann aus ist: Indem er die Beziehungen zwischen den jeweiligen Ausdruckstypen der Sätze ausbalanciert, erzeugt er immer wieder Spannungen, die das Ringen um die kompositorische Konstruktion, die zugleich mit dem dunkel-depressiven Farbanstrich der Sinfonie eine Einheit bildet, überzeugend verdeutlichen.

Die emotionalen c-Moll-Abgründe des »Adagio espressivo« sind ein Paradebeispiel für seine Fähigkeit, sich in Schumanns Gefühlssprache zu versenken und sie im subtil abgestuften Instrumentalkolorit von Streichern und Bläsern des Orchesters der Philharmonischen Gesellschaft zum Klingen zu bringen. Der ausgedehnte, festlich triumphierende Finalsatz krönt eine rundum engagierte und stimmige Interpretation.

Festkonzert zum Tag der Deutschen Einheit mit Tobias Feldmann

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Seine Violine kommt von Gagliano aus Neapel und ist 250 Jahre alt, zielsicher, mit Kraft und flinken Griffen bringt er das ehrwürdige Instrument zu klanglichem Entzücken. Ein präzise geführter Dialog mit Flöte, Oboe und Klarinette, dazu federleichte Übergänge in die Tutti mit Schlusston auf dem Fagott leiten zjm Andante und ausgreifend lyrischen Passagen im zweiten Satz.

Flottes Allegro bestimmt das weitere Klanggeschehen, mit spannendem Vorspiel und lebhaften Pauken bereitet Thomas Berning die Überraschung vor: ein neues Hauptthema erscheint in allen Lagen, Geiger und Orchester im freudvollen Wechselspiel, Tobias Feldmann spielt mit voller Brillanz und sein Tempo lässt keine Zeit zum Träumen, die zündende Melodie ergreift Besitz und wird zum Pausenhit, mit Blumenbukett und violinistischem Bravourstück verabschiedet sich der Solist.

Bach und Beethoven standen Pate bei Schumanns zweiter Sinfonie, Krankheit und seelische Tiefs lenkten die kompositorischen Kräfte in Richtung einer Schicksalssinfonie und Liebeserklärung an seine Frau Clara, nach der gelungenen Uraufführung durch Mendelssohn-Bartholdy besserte sich seine Gemütsverfassung und die Schaffenskrise schien überwunden. C-Dur als klare, ins Positive gerichtete Tonart bestimmt Zusammenhalt und Weiterentwicklung einer Fülle thematischer Einfälle. Mit Engagement und Sensibilität sind Thomas Berning und die Musiker der Philharmonischen Gesellschaft um authentische Darstellung bemüht, manchmal aber kommt der Zuhörer ins Schwanken: Da hat der inspirierte Schumann seinen Vorbildern leuchtende Denkmäler gesetzt, dazu eine berauschende Vielfalt der Übergänge, der erste Satz endet im beschleunigten Allegro schicksalhaft rhythmisiert.

Mit sanftem Streicherauftakt eröffnet Berning Satz zwei, laut und schnell gerät das Scherzo. Eine wohltuend gemäßigte Einleitung zum Adagio bringt Wünsche und Sehnsüchte in die Musik, das Fugato in der Bitte beginnt fahl, fast gespenstisch, so charakterisiert der dritte Satz am besten Schumanns leidvolles Befinden. Im letzten Satz demonstrieren die Sinfoniker noch einmal seine kraftvolle kompositorische Größe, Exposition und Durchführung drängen molto vivace zum Liedzitat aus dem Zyklus "an die ferne Geliebte", hier baut Schumann hörbar musikalische Brücke von Beethoven zu Bruckner, zum Dank gibt es Blumen und lang anhaltenden Beifall.

Festkonzert zum Tag der Deutschen Einheit

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